Esso Berlin

Der Supertanker und sein Modell:
T/T Esso Berlin

Zuerst veröffentlicht in:
MECHANIKUS, München 1962.
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PDF/HTML/EPUB-Umsetzung: Bodo van Laak

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Abb. 14 T/T Esso Berlin beim Auslaufen

Abb. 14 T/T Esso Berlin beim Auslaufen

Abb. 15 Die Crew des T/T Esso Berlin

Abb. 15 Die Crew des T/T Esso Berlin

Schlagadern der Weltwirtschaft nennt man die großen Tankerrouten auf den Weltmeeren, und Schiffe von gewaltigen Dimensionen sind es, die diese Strecken befahren. Etwa 3000 an der Zahl mit insgesamt 63,5 Millionen Tonnen Tragfähigkeit bilden gegenwärtig die Gesamtheit der Welttankerflotte. Eines ihrer Schiffe mit 36.232 tdw. (tons deatweight – Tonnen Tragfähigkeit) und einer Verdrängung von 47.222m³ ist die „Esso Berlin“. Gewiß handelt es sich bei ihm um einen Standardtyp, aber gleichzeitig auch um ein Schiff mit einem guten Namen.

Von diesem Tanker gibt es auf dem deutschen Markt einen gerne benützten Bauplan M1:250 und die Werkstoffpackung*, denen eine um fassende Bauanleitung beigegeben wurde. Es wäre deshalb eine überflüssige Mühe, wollten wir an dleser Stelle ausführlich über die Herstellung des Modells berichten. Es sollen vielmehr Originalfotos vom großen Vorbild gezeigt werden, deren Positionen sich an Hand einer Übersichtszeichnung einordnen lassen Naturgemäß macht die Bearbeitung eines Mo-
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* Anm. d. Verf.: Erzeugnis der Firma J. Graupner, Klrchheim/Teck.

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Orientierungszeichnung für den Stand der Fotos 1-13

Orientierungszeichnung für den Stand der Fotos 1-13

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dellbauplanes gewisse Vereinfachung gegenüber den Werftplänen erforderlich; das hängt mit dem Modellmaßstab und mit Erfordernissen der gewählten Bauweise zusammen. Hinzu kommt, daß ein Baukasten die handwerklichen Fähigkeiten seiner Benützer nicht überfordern darf. Die speziellen Wünsche fortgeschrittener Modellbauer und Experten müssen also zunächst unberücksichtigt bleiben. Das Kunststück, das bei der Bearbeitung von Modellbauplänen gefordert wird, besteht aber darin, die großen Formen vorbildgetreu und maßstabsgerecht wiederzugeben und im Detail genügend Spielraum für die individuelle technische Gestaltung zu lassen. Den Schiffsmodellbauern, die ihr Modell noch etwas verfeinern wollen und können, sollte also gezeigt werden, wie die Einzelheiten am großen Vorbild in Wirklichkeit aussehen.

Schon beim Entwurf des Bauplans lag deshalb der Gedanke nahe, das Supertankschiff mit der Kamera zu besuchen. Dieses Vorhaben fand, ebenso wie die Planbearbeitung, die freundliche Unterstützung der Esso A.G. Hamburg und konnte verwirklicht werden.

Es war ein schöner Sommertag, als ich nach Wilhelmshaven fuhr, um die „Esso Berlin“ zu besuchen. Die Werkstoffpackungen, welche mir die Firma Graupner als Geschenk für die Besatzung mitgegeben hatte, führte ich im Gepäck mit. Hochbeladen und frohgestimmt fuhr

Abb. 1 Verholwinde auf der Back

Abb. 1 Verholwinde auf der Back

Abb. 2 Laufbrücke mit Rohrleitungen auf dem Vordeck

Abb. 2 Laufbrücke mit Rohrleitungen auf dem Vordeck

Abb. 3 Verholwinde, Laufbrücke und die Brückenvorderfront

Abb. 3 Verholwinde, Laufbrücke und die Brückenvorderfront

Abb. 4 Festmacher und Ventilschieber

Abb. 4 Festmacher und Ventilschieber

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Abb. 5 Die vordere Laufbrücke von der Back her gesehen

Abb. 5 Die vordere Laufbrücke von der Back her gesehen

Abb. 6 Brückennock

Abb. 6 Brückennock

Abb. 7 Die hintere Laufbrücke mit Blick auf die Poop

Abb. 7 Die hintere Laufbrücke mit Blick auf die Poop

Abb. 8 Landgang und Teile der Löschbrücke von Wilhelmshaven

Abb. 8 Landgang und Teile der Löschbrücke von Wilhelmshaven

Abb. 9 Verholwinde, Expansionstanks und Wellenbrecher auf dem hinteren Hauptdeck

Abb. 9 Verholwinde, Expansionstanks und Wellenbrecher auf dem hinteren Hauptdeck

Abb. 10 Überdachung am Maschinenschacht

Abb. 10 Überdachung am Maschinenschacht

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ich zum Ölhafen, der weitab vom eigentlichen Hafenzentrum liegt. Ein Verwaltungsgebäude, einige große Öltanks, ein langer, weit in den Jadebusen hineinragender Betondamm und an dessen Ende die Löschbrücke, das ist der sichtbare Kopf eines Nervenstranges der Ruhrindustrie, der Nordwest-Pipeline. Nachdem der Pförtner gewissenhaft Passierschein und Ausweis kontrolliert hatte, ging es mit einem Wagen der Nordwest-Ölleitungs GmbH schnell zum Schiff.

Abb. 11 Winde für den Heckanker

Abb. 11 Winde für den Heckanker

Abb. 12 Verholwinden auf dem Achterdeck

Abb. 12 Verholwinden auf dem Achterdeck

Abb. 13 Niedergang zum Schornsteindeck

Abb. 13 Niedergang zum Schornsteindeck

Man spricht bei den modernen Tiefwasser- und Massengüterhäfen immer wieder von sogenannten schnellen Häfen. Obwohl mir dieser Begriff durchaus geläufig ist, war ich doch erstaunt, mit welchem Tempo 36.000 Tonnen Öl der „Esso Berlin“ und bestimmt noch 50.000 Tonnen aus zwei weiteren Tankern an der Pier gelöscht wurden. Man brauchte gar nicht lange hinzusehen, denn die um ihre Ladung erleichterten Ozeanriesen wuchsen geradezu in jedem Augenblick immer höher aus dem Wasser. Eine kleine mit Kreide beschriebene Tafel an der Gangway der „Esso Berlin“ ließ sofort erkennen, was die Begriffe schnelles Schiff und schneller Hafen besagen wollen. Ich wußte von der Reederei, daß die „Berlin“ erst in der Nacht gegen 01.00 Uhr an die Pier gebracht worden war. Mittlerweile zeigte die Uhr 11.00 Uhr vormittags und es wurde schon wieder Zeit, den blauen Peter zu setzen. (Blauer Peter = Signalflagge „P“). Sie zeigt an, daß das Schiff innerhalb der nächsten 12 Stunden den Hafen verläßt). Die Anweisung auf der Tafel lautete: „Samstag, 20.00 Uhr alles an Bord. “ Für zwei Stunden später war das Auslaufen nach Sidon, einem der Ölhäfen am Mittelmeer, angesetzt. Ganze 21 Stunden lag also dieser Ozeanriese von über 211m Länge im Hafen, um seine Ladung zu löschen. Diese Eile, so wirtschaftlich sie ist, hat nur den Nachteil, daß den dienstfreien Besatzungsmitgliedern lediglich ein Bruchteil der Liegezeit für einen Landgang zur Verfügung stand.

„Für ein Familienleben bleibt dem Seemann keine Zeit“, meinte Kapitän Walter Köppe. Er, der etwas gewichtige, ruhende Pol im hektischen Bordbetrieb, hat selbst im Hafen kaum eine andere Verbindung zum Land als das Telefon. Ab- und Anmusterungen, Löschbetrieb und viele andere Tätigkeiten laufen bei ihm in letzter Instanz zusammen. Wenn nicht hin und wieder ein Familienbesuch an Bord käme, hätte die Stammbesatzung oft monatelang keinen direkten Kontakt zu ihren Angehörigen. Es ist deshalb wirklich nur ein gerechter Ausgleich, wenn der Wohnkomfort auf Tankern noch über den der anderen Seeschiffe hinausgeht. Einzelkabinen für jedes Besatzungsmitglied, Schwimmbad, Salons und Klimaanlage sollen nach mitunter recht harten Wachtörns die Atmosphäre eines behaglichen Heimes schaffen. Das Schiff ist ja nicht nur Arbeitsplatz des Seemanns, sondern auch für die meiste Zeit seines Lebens Wohnung und Zuhause.

Das Gefühl für die vielgerühmte Romantik der

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Seefahrt, kommt dem Seemann wohl schon seit eh und je bei der ersten Sturmfahrt abhanden. Über einen vollgeladenen Tanker hinweg rollende Brecher können vielleicht einen Fotografen begeistern, der Seemann aber weiß, daß es für ihn jetzt mehr Arbeit unter verschlechterten Bedingungen geben wird. Solche Wassermassen, die bei schlechtem Wetter mit der Gewalt von hundert und mehr Tonnen über das Schiff hereinbrechen, lassen nicht selten Schäden an Deck zurück, die sofort ausgebessert werden müssen. In solchen Zeiten ist der Fahrensmann nicht nur, wie man ihm gerne nachsagt, Rostklopfer, Maler und Decksaufklarer, denn hier, wird ihm Mut und Geschicklichkeit abverlangt.

Auf unserem Bild (Abb. 15) sind der Kapitän und die Besatzung der „Esso Berlin“ zu sehen. Nur die derzeitige Brücken- und Maschinenwache fehlt. Die „Crew“, wie der Seemann die Besatzung nennt, setzt sich aus der Schiffsführung (rechts im Vordergrund), der Decksbesatzung (dahinter), dem Bedienungspersonal, also die Köche, Stewarts usw (Mitte) und dem Maschinenpersonal (links) zusammen. Insgesamt sind es 54 Mann.

Abb. 16 Modell des Supertankers. „Esso Berlin“ von Ch. Schöne, Mainz

Abb. 16 Modell des Supertankers. „Esso Berlin“ von Ch. Schöne, Mainz

Technische Daten:

Die Länge des Schiffes über alles = 211,218m
Die Länge in der C. W. L. = 205,075m
Die Breite auf den Spanten = 27,432m
Die Seitenhöhe bis zum 1. Deck = 14,325m
Freibordtiefg. ü. Oberkante Kiel = 10,817m
Freibordtiefg. ü. Unterkante Kiel = 10,879m
Verdrängung auf Sommerfreibord auf Spanten = 47.222m³
Tragfähigkeit = 36.232 tdw
Maschinenleistung 16.250/17.900 WPS
Maschine AEG-Getriebe-Turbine
Geschwindigkeit 17 Knoten
Bauwerft Deutsche Werft, Hamburg
Stapellauf 20.10.1958
Indienststellung 4.12.1958

Von den technischen Daten bekommt man erst dann ein rechtes Bild, wenn man sich auf den einzelnen Fotos das Größenverhältnis der Menschen zum Schiff vergegenwärtigt. Alle Dimensionen sind so gewaltig, daß sich ein Mensch allein, ganz verloren auf diesem Supertanker vorkommt. Ein Beispiel nur, aber es sagt vielleicht mehr aus als Zahlen: Der Durchmesser des Festmacher-Tauwerks entspricht etwa der Dicke eines ausgewachsenen Oberarms (Abb. 4).

„Was ist ein Supertanker?“ Diese Frage wird häufig von vielen gestellt. So geläufig dieser Begriff erscheint, so verworren sind doch die allgemeinen Ansichten darüber. 1950 kam dieses Wort in den Schiffahrtssprachgebrauch, und man versteht darunter seitdem Schiffe von mindestens 32.000 tdw und einer Länge von ca. 200m und mehr. Die Tankschiffe über 80.000 tdw gehören der immer größer werdenden Gruppe der Mammuttanker an. ln der deutschen Handelsflotte werden diese Typen 1963/64 erscheinen.

In Balsa-Schichtbauweise konstruiert, eignet sich das Modell der „Esso Berlin“ für alle Freunde elektrogetriebener und ferngesteuerter Schiffsmodelle. Es hat einen verhältnismäßig einfachen Aufbau und auch der Einbau des mechanischen Teils verlangt keine komplizierten Handfertigkeiten. Die 30mm ⌀ Schraube (dreiflügelig) wird durch einen MONOPERM-SUPER-Elektromotor getrieben. Gespeist wird dieser Motor durch einen 6 V-Sonnenschein-DRYFIT-Akku, der ebenso aufladbar ist, wie die Kraftquellen der Fernsteuerung. Der Bauplan zeigt in einem Längsschnitt und in einer Draufsicht M1:1, alle Einzelheiten und erläutert den Einbau der Steuerungs- und Antriebsaggregate. Maßstabsgerechte Kleinteile in Plastikausführung, mit metallähnlicher Oberflächenbeschaffenheit, sind speziell für dieses Modell entworfen worden und ergänzen den Bausatz.

Länge über Alles 845mm
Breite 110mm
Höhe 166mm
Gewicht mit Fernsteuerung ca. 2500g
Maßstab 1:250

Karlheinz Marquardt